Das unübersetzbare Wort
Es gibt dieses Gefühl an einem verregneten Sonntagabend, wenn Kerzenlicht, dicke Socken und ein warmes Getränk zusammenkommen und die Welt für einen Moment ganz in Ordnung scheint. Die Dänen haben dafür ein Wort: „hygge". Es gibt dieses schwer greifbare Sehnen nach etwas, das man vielleicht nie erlebt hat oder nie wiedersehen wird – die Portugiesen nennen es „saudade". Und es gibt dieses Ziehen nach der Ferne, das viele Sprachen gar nicht richtig fassen können – im Deutschen heißt es „Fernweh".
Manche Gefühle scheinen erst dann wirklich zu existieren, wenn eine Sprache ihnen ein eigenes Wort gibt.
Warum manche Gefühle unübersetzbar bleiben
Sprachen entwickeln Wörter für das, was eine Kultur häufig genug erlebt und benennen muss. Ein Volk, das viel auf See unterwegs war, entwickelt viele Wörter für Wind und Wetter. Eine Kultur, die viel über Verlust und Distanz nachdenkt, entwickelt ein Wort wie „saudade". Andere Sprachen kennen dasselbe Gefühl vielleicht auch – aber eben nicht als ein einziges, griffiges Wort, sondern nur als umständliche Umschreibung.
Das bedeutet nicht, dass Menschen ohne dieses Wort das Gefühl nicht kennen. Es bedeutet nur, dass sie es schwerer fassen, schwerer benennen und damit auch schwerer bewusst wahrnehmen können.
5 Wörter für Gefühle, die andere Sprachen kaum kennen
- Fernweh (Deutsch) – die Sehnsucht nach der Ferne, dem Gegenteil von Heimweh.
- Saudade (Portugiesisch) – eine wehmütige Sehnsucht nach etwas Verlorenem oder Abwesendem.
- Hygge (Dänisch) – ein Gefühl von Geborgenheit, Wärme und bewusstem Wohlbefinden.
- Komorebi (Japanisch) – das Licht, das durch Blätter der Bäume fällt.
- Utepils (Norwegisch) – das Bier, das man draußen trinkt, sobald die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres da sind.
Warum uns diese Wörter beim Reisen besonders auffallen
Im Ausland begegnen wir nicht nur neuen Orten, sondern auch neuen Wörtern für Zustände, die uns bisher nie so klar bewusst waren. Man liest von „hygge" und merkt plötzlich, dass man dieses Gefühl schon oft hatte, ohne es je benennen zu können. Man hört „saudade" und erkennt darin eine Mischung aus Wehmut und Zärtlichkeit, für die es im eigenen Wortschatz einfach keine treffende Vokabel gibt.
Reisen schärft so nicht nur den Blick für neue Orte, sondern auch den Blick für die eigenen, bisher unbenannten Gefühle.
Was das über unsere eigene Sprache verrät
Auch das Deutsche hat solche Wörter – „Fernweh" ist eines der bekanntesten, ein Begriff, den viele andere Sprachen sich mittlerweile schlicht ausgeliehen haben, weil es keine ebenso präzise eigene Entsprechung gibt. Das sagt etwas über die deutsche Reisekultur aus: eine tiefe, fast philosophische Sehnsucht nach der Ferne, die offenbar so verbreitet und bedeutsam war, dass sie ein eigenes Wort verdiente.
Kann man ein Gefühl erst fühlen, wenn man ein Wort dafür hat?
Sprachwissenschaftlich ist umstritten, wie stark Sprache das Denken und Fühlen tatsächlich formt. Sicher ist aber: Ein eigenes Wort macht ein Gefühl leichter erkennbar, leichter mitteilbar und leichter bewusst erlebbar. Man muss „saudade" nicht kennen, um es zu fühlen – aber wer das Wort kennt, erkennt das Gefühl schneller wieder, wenn es auftaucht.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet „Fernweh" genau?
Fernweh bezeichnet die Sehnsucht nach der Ferne, nach unbekannten Orten – das begriffliche Gegenteil von Heimweh, der Sehnsucht nach dem vertrauten Zuhause.
Warum haben manche Sprachen Wörter für Gefühle, die andere nicht kennen?
Weil Sprachen Wörter für das entwickeln, was eine Kultur häufig erlebt und benennen muss. Ein wiederkehrendes, kulturell bedeutsames Gefühl bekommt eher ein eigenes, griffiges Wort.
Kann man ein Gefühl fühlen, ohne ein Wort dafür zu haben?
Ja, das Gefühl selbst existiert unabhängig von der Sprache. Ein eigenes Wort macht es aber leichter erkennbar, mitteilbar und bewusst wahrnehmbar.
Ein Wort als Souvenir
Vielleicht ist eines der schönsten Souvenirs, das man von einer Reise mitbringen kann, gar kein Gegenstand, sondern ein Wort – ein Begriff aus einer fremden Sprache, der plötzlich ein Gefühl benennt, das man schon lange kannte, aber nie richtig fassen konnte. Man muss es nur noch benutzen, damit es nicht wieder verblasst.